Kim Kluge

WERKBESCHREIBUNG

Kim Kluge 1999-2021

 

„Farben sind Farben. Sie kennen keine Bewertung. Kein zu alt oder zu jung, kein zu groß oder zu klein, kein zu gut oder zu schlecht“… „Ein Perspektivwechsel auf Farbe ermöglicht uns einen Perspektivwechsel auf unsere Bewertungsmodelle“.

Seit 2015 setzt die Malerin und Konzeptkünstlerin Kim Kluge (Masterstudium bei Walter Dahn 1993-1999) sich mit der Synästhetik von Farben und menschlichen Wesenszügen auseinander. 2016 gab es eine erste Ausstellung zu dem Thema. Wesenszüge von Menschen des öffentlichen Lebens in Farbe exprimiert. Die Bilder muten an wie Codierungen für Scans. Mit der Bedeutung von Farbe und dem, was sie universell und alle Kulturen übergreifend bedeutet, hat Kim Kluge sich intensiv auseinandergesetzt. „Bei Himmelblau assoziieren wir die Weite des Himmels. Grün steht für die Pflanzenwelt. Signifikant sind Wachstum und Hoffnung. Rot weist auf ein überbordendes Maß an Energie hin. Kulturell bedingt teilen wir alle Bereiche unseres Lebens in positiv und negativ ein. Sind Bewertung und Beurteilung gewohnt. Die Farbe selbst kennt aber keine Bewertung. Rot ist einfach Rot. Gelb ist Gelb. Blau ist Blau. Ich kann diese Farben mögen oder nicht“. Aus dieser Perspektive und mit dieser Grundhaltung portraitiert Kim Kluge Menschen in Farben. Der Verzicht auf eine konkrete Abbildung von Alter und Geschlecht bestimmt ihre Arbeitsweise. Es gibt keine Falten und keinerlei Anhaltspunkte, ob er oder sie nach unserem Verständnis von Ästhetik hübsch oder hässlich sei. Bei der Wahrnehmung eines Menschen geht Kluges Konzentration auf das, was sein Wesen ausstrahlt. „Das ist der Bereich, den ich nicht restlos in Worte kleiden kann, wo die Kunst beginnt. Ich übersetze meine Wahrnehmung in Farben“. Erstaunlich ist das Ergebnis eines Experiments 2016, in dem sie die Namen der Personen vorher nicht bekannt gab, sondern auf Zetteln verteilte, damit die Besucher der Ausstellung die Bilder den Namen zuordnen. Die Trefferquote lag bei achtzig Prozent!

 

Seit Anfang 2019 gibt es eine wichtige Ergänzung. Mit dem hochsensitiven Filz gelingt es Kim Kluge Material und Inhalt in Einklang zu bringen. Filz ist nicht nur wie eine zweite Haut zu sehen, sie unterstreicht den wärmenden und verbindenden Aspekt der Farben. Zudem ist Filz das ursprünglichste Material in der Menschheitsgeschichte. Eines der ersten Materialien, aus denen Kleidung hergestellt wurde. Filz schafft einen Nährboden für soziale Wärme. Die Portraitierten wirken auf ihr Umfeld ein, beflügeln im besten Fall den Betrachter. Im Zeitalter digitaler Transformation setzt Kim Kluge mit ihren Arbeiten einen Kontrapunkt zu unserer schnelllebigen Zeit. Jeder Mensch ist einmalig und jeder Mensch ist schön, egal ob alt oder jung, mit oder ohne Falten. „Wachstum kann nicht forciert werden. Wachstum ist ein naturgegebener Aspekt unseres Lebens.“ Die Künstlerin Kim Kluge ist darauf bedacht, Menschen in ihrem Wesenskern zu betrachten, so weit, wie es ihr durch ihre, wie sie sagt, „subjektive Brille möglich ist“. Ihres Erachtens sind Kunstschaffen und gesellschaftliche Entwicklung fest ineinander verwoben. Entscheidend ist nicht das Produkt Kunst, sondern der künstlerische Prozess und die Aussage hinter dem Werk. Kunst bedeutet für Kluge Perspektivwechsel. Transformatorische wirtschaftliche Prozesse beinhalten aus ihrer Sicht auch die Notwendigkeit von Abstraktionsvermögen. Die Verbindung ist für Kim Kluge das Kernthema und Kommunikation nach ihrer Auffassung unerlässlich für Kunst und Gesellschaft.

 

WERDEGANG – BIOGRAFIE

Kim Kluge ist seit 1999 als freischaffende Konzeptkünstlerin aktiv. Sie hat bei Walter Dahn an der HBK in Braunschweig studiert und den Master-Abschluss mit Auszeichnung bei ihm absolviert. Während ihre Schwerpunktthemen bei Studienbeginn noch in der klassischen Malerei lagen und den Meisterwerken der klassischen Moderne wie Kandinsky, Miro´, Picasso etc., erweiterte sich ihr Horizont im Verlauf des Studiums auf die Kunst der Gegenwart.

Walter Dahn gab entscheidende Impulse auf diesem Weg. Einer davon war der Verzicht auf Nachahmung von Techniken anderer Meister. Die Kunst orientiert sich nicht am Material, sondern genau umgekehrt; Das Material orientiert sich am Inhalt der künstlerischen Aussage. Nach Dahn „kommt Kunst auch nicht von Können“…“ und dient keinem dekorativen Zweck“. “Die Revolution seines Lehrers Beuys lag darin, dass wir aufhören, Kunst als eine Nachahmung anderer Techniken zu verkaufen. „Kunst ist das Ergebnis eines künstlerischen Prozesses; und der Prozess selbst ist wichtiger, als das künstlerische Produkt“ weiß Kim Kluge heute aus langjähriger Erfahrung zu berichten. Weitere Künstler*innen wie Rebecca Horn oder Eva Hesse beschäftigten Kim Kluge in ihrer Studienzeit nachhaltig. Die hochsensitiven Skulpturen von Horn und Hesse, daneben Marina Abramovic´, in deren Arbeit es um Grenzen und Grenzüberschreitungen geht. Wie weit können wir mit uns gehen?

 

Kim Kluge hat seit jeher das Auflösen von Grenzen und die subjektive Nahaufnahme von Eindrücken beschäftigt. Sie ist ihren Impulsen, alles auszuprobieren, gefolgt. Fotografisch, malerisch und grafisch. Unteranderem auch den auch den Spuren von Mark Rothko der sie mit seinem transzendentalen Werk nachhaltig beeindruckt hat. Auch Gerhard Richter ist für Kim Kluge zeitgenössisches Zeugnis für die Tiefe, die aus dem realen Wissen der konkreten Darstellung resultiert. Bei Kluges Werke beschäftigen sich mit strukturellen Dingen. „Dahinter schauen wollen“ ist das Wesen ihrer Person und ihrer Kunst. Das kommt auch in einer früheren Werkgruppe „Movements“ (Acrylmalerei) und den fotografischen Arbeiten „NO ONE“ (fotografisches Werk) zum Ausdruck, während es bei den „Cloneflowers“ (digitale Arbeit) um die Beobachtung geht, was passiert, wenn händisch am Computer eine Form vervielfältigt wird und die Summe der Klonformen als neue Form erscheint. Es geht um Präzision und Perfektion, um strukturelle Beobachtungen der Gesellschaft. Daneben beschäftigt Kim Kluge immer wieder die große Frage, was Wahrheit ist. Die Chaos-Theorie war ihr während des Studiums sehr wichtig.

 

Kim Kluge geht den umgekehrten Weg der Abstraktion. Sie abstrahiert nicht einen Gegenstand bis zur Unkenntlichkeit sondern konkretisiert ihre Wahrnehmung auf nicht Sichtbares, wie z.B. Wesenszüge von Menschen oder die Frage, was z.B. eine Raumatmosphäre ausmacht. Für Kim Kluge ist das Zusammenspiel zwischen Raum, künstlerischem Prozess, und dem Menschen immanent wichtig. Die Atmosphäre des Raumes bestimmt die Atmosphäre der darin befindlichen Menschen und umgekehrt. Alles wirkt aufeinander ein. Ein von seiner Grundausstattung in kalten Farben gestalteter Raum benötigt Wärmende Materialien als Ausgleich, während es in einem farblich überhitzten Raum kühlere Formen braucht.

Nach Kluges Auffassung ist die Kunst nicht für sich selbst da, sondern für den Betrachter, der aus den künstlerischen Perspektivwechsel der Abstraktion nicht nur Kraft schöpfen kann, sondern auch unkonkrete Impulse erhält. Im Gegensatz zu Walter Dahn glaubt Kim Kluge nicht, „dass der dekorative Aspekt von Kunst abzuwerten sei. Dahinter kann eine tief empfundene Sehnsucht nach Schönheit, Liebe und Vollkommenheit stehen. Dekoration ist nach Kim Kluge im ursprünglichen Sinne als „Kirsche auf dem Sahnehäubchen“ zu verstehen… „Sie ist ein Door-opener zum künstlerischen Prozess. Allein wenn es hinter der Dekoration keine tieferen Inhalte gibt, bleibt sie flach und unverstanden und führt nicht in die ursprüngliche Form von Schönheit hinein.“

 

Kim Kluge nennt ihren Stil „Sensitivismus“, den sie auch beispielsweise Rebecca Horn oder Eva Hesse zuordnen würde. „Wir leben in einer neuen Zeit. Haben spätestens in diesen Zeiten der Pandemie und des Klimawandels erkannt, dass wir mit „Höher, schneller, weiter“ und unserer „Ego-Kultur“ nicht mehr weiterkommen. Wir zerstören unseren Planeten, weil wir uns mit Vorliebe an dominanten Führungspersönlichkeiten orientieren. Es ist das Zeitalter des „Krachs“, der aus jedem Lautsprecher des Groß- und Einzelhandels vibriert, uns ablenkt und manipuliert. Dem setze ich heute die Stille meines meditativen künstlerischen Prozesses entgegen.“

 

Die „Kunstbetrachtung und das Kunstschaffen sind für Kim Kluge eine „Nährsubstanz“, wie Beuys es einst sehr treffend formuliert hat. Zugleich aber hat sie sich auch aus der Konvention des „Bilderrahmenverbots“ befreit. „Die Malerei ist nicht tot“ und bei Kim Kluge „ist in der Kunst alles erlaubt, solange es ehrlich ist.“

Kim Kluge

TRUE COLORS und X-RAY MIXED MEDIA

TRUE COLORS
2015-2021 | SYNÄSTHETIK-WESENS-PORTRAITS

Originale Filzwerke auf Leinwand

 

X-RAY MIXED MEDIA
2020-2021| SYNÄSTHETIK-WESENS-PORTRAITS

Fotografie auf Nesselstoff und Keilrahmen